Die etwas schwulstig klingende Überschrift dieses Artikels soll nicht über das dringende Anliegen hinwegtäuschen, dem er dient: Einem völlig anderen, ursprünglichen Bildungsmodell als Grundlage einer nachhaltigen, naturnahen Gesellschaft.

In Ermangelung eines rettenden Eingriffs durch Götter oder Außerirdische sind wir Menschen gezwungen, die lebensgefährliche Situation, in die uns die seit zweihundert Jahren geltenden politischen und wirtschaftlichen Systeme geführt haben, selbst in die Hand zu nehmen; ansonsten droht dem evolutionären Experiment “Mensch” ein vorschnelles Ende.

Die Anfang des 21. Jahrhunderts in einem internationalen Austauschprozess erarbeitete Erd-Charta beschreibt die globale Lage folgendermaßen:

Die vorherrschenden Muster von Produktion und Konsum verursachen Verwüstungen der Umwelt, Raubbau an den Ressourcen und ein massives Artensterben. Sie untergraben unsere Gemeinwesen. Die Erträge der wirtschaftlichen Entwicklung werden nicht gerecht verteilt und die Kluft zwischen Reichen und Armen vertieft sich. Ungerechtigkeit, Armut, Unwissenheit und gewalttätige Konflikte sind weit verbreitet und verursachen große Leiden. Ein beispielloses Bevölkerungswachstum hat die ökologischen und sozialen Systeme überlastet. Die Grundlagen globaler Sicherheit sind bedroht.

Kaum ein gut informierter Zeitgenosse wird diese Einschätzung bestreiten wollen. Dennoch ändert sich das Verhalten der großen Mehrheit der Erdbewohner in keinem ernstzunehmenden Verhältnis zur Dringlichkeit der Entwicklung. Wie lässt sich das erklären?

Unserer Meinung nach liegt es an einem Faktor, der bei der Ursachenforschung fast durchweg außer Acht gelassen wird: der Art und Weise nämlich, wie das etablierte Bildungssystem die ihm anvertrauten Menschen auf das “Leben” vorbereitet.

Es geht dabei tatsächlich um das Wie, also um methodologische, nicht um inhaltliche Aspekte. Die öffentlichen Schulen lassen durch ihren Umgang mit den Auszubildenden ungewollt bestimmte Fähigkeiten verkümmern, die zur klaren Wahrnehmung und bewussten Überwindung der lebensbedrohlichen Systemfehler nötig wären:

  • sie schreiben vor, was als lernenswert zu betrachten ist, und ersticken damit allmählich die angeborene Neugier und das freie Verfolgen von individuellen Interessen, sowie das Kennenlernen der eigenen Potenziale;
  • sie diktieren die Art und Dauer der Aktivitäten, die für die Erreichung der Lernziele durchgeführt werden, und verhindern so die Entwicklung von Eigenverantwiortung, Ausdauer, Kreativität;
  • sie zwingen den Lernenden Verhaltensregeln auf, statt diese mit ihnen gemeinsam festzulegen und anzupassen, und schränken Möglichkeiten zur Kritik und Mitbestimmung stark ein;
  • sie nehmen häufig externe Leistungsbewertungen vor, statt Selbstreflexion und Einschätzung der eigenen Fortschritte zu fördern;
  • sie teilen die Lernenden in arbiträre, meist altershomogene Gruppen ein, die von je einer erwachsenen Expertin be-lehrt werden, und verhindern dadurch die natürlichen Kooperations- und Transmissionsprozesse, die beim Zusammenleben verschiedenaltriger Menschen auftreten.

Vor allem behandeln sie die jungen Menschen wie Objekte, die sie gewaltsam in ihrem Sinn zu formen versuchen, statt ihre Entfaltung als eigenständige Subjekte zu unterstützen. Sie sind (meist erfolgreiche) Verfechter der etablierten Werte von Konkurrenzdenken, Konformismus und Konsum, da ihre Agenten, die Lehrpersonen, sich der eigenen Konditionierung nicht bewusst sind und einem längst überholten Gesellschaftssystem dienen. Damit bringen sie ebenso miss-gebildete Schulabgänger hervor, die dieses System mittragen, obwohl es den Anforderungen der Zeit völlig widerspricht.

Der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti (1895-1986) bringt es auf den Punkt: Einfach nur etablierte Werte in den Geist des Kindes einzubringen bedeutet, es einem Ideal anzupassen, es zu konditionieren, ohne seine Intelligenz zu wecken.

Die Folgen der unüberlegten Miss-Bildung zeigen sich etwa darin, dass die Menschen unfähigen und oft korrupten Politikern schwerwiegende Entscheidungen für das Gemeinwohl überlassen,  dass sie aller Warnungen zum Trotz damit fortfahren, zerstörerische Praktiken wie die industrielle Landwirtschaft und den Ausbau des Automobilverkehrs zu unterstützen, und dass sie den verantwortungslosen neoliberalen Wachstumswahnsinn fraglos hinnehmen.

Wenn ein Umbau oder zumindest eine Diversifizierung des Bildungsbetriebs so schwierig ist, liegt das nicht nur an der Konditionierung der Lehrpersonen und Eltern, sondern sehr wahrscheinlich auch an den (verständlichen) Ängsten der politisch Verantwortlichen vor einer befreiten Generation von autonomen, kreativen und kritischen jungen Menschen, die nicht mehr einfach nach dem bewährten Prinzip von “Brot und Spielen” funktionieren, sondern sich einmischen, Fragen stellen und die gesellschaftliche (Un-)Ordnung boykottieren.

Und doch: Es muss sein, und zwar jetzt, wenn unsere Spezies die nächsten fünfzig Jahre einigermaßen unbeschadet überleben soll. Noch einmal Krishnamurti:

Bildung ist eng mit der aktuellen globalen Krise verbunden, und der Erzieher, der die Ursachen dieses universellen Chaos wahrnimmt, sollte sich fragen, wie er die Intelligenz junger Menschen wecken und so der neuen Generation helfen kann, Konflikte und Katastrophen einzudämmen. Er muss all seine Überlegungen, seine ganze Sorgfalt und Fürsorge auf die Schaffung eines angemessenen Umfeldes und die Entwicklung von Verständnis richten, damit der Einzelne, wenn er reif ist, intelligent an die Probleme herangehen kann, die vor ihm auftreten werden. Aber um diese Maßnahme zu ergreifen, muss der Erzieher sich selbst verstehen, anstatt sich auf Ideologien, Systeme und Überzeugungen zu verlassen.

Es bedarf daher zweierlei, um die aktuelle Lähmung der Bildungskultur zu durchbrechen:

1. Die Gründung, Entwicklung und Betreuung von Orten, an denen junge Menschen von Anfang an selbstbestimmt, frei und altersgemischt sich austauschen, forschen, schaffen und Erfahrungen sammeln können, wobei sie von etwas älteren Menschen (die Eltern eingeschlossen) begleitet, unterstützt und inspiriert werden.

2. Die Entkonditionierung der entsprechenden Begleiter in dem Sinne, dass diese die Strukturierungs-, Kontroll- und Gleichschaltungsmechanismen des Bildungsparadigmas der industriellen Zeit aktiv, fortwährend und mit gegenseitiger Hilfe aus ihrem Denken und Werten heraustrainieren.

Beide Ziele hat sich die 2018 gegründete Vereinigung ohne Gewinnzweck LuDUS auf die Fahne geschrieben.