Die kopernikanische Wende im Bildungswesen

Wenn wir von kopernikanischer Wende sprechen, meinen wir zunächst den gewaltigen Paradigmenwechsel, der im 16. Jahrhundert durch Astronomen wie Nikolaus Kopernikus und Galileo Galilei ausgelöst wurde, als diese bewiesen, dass nicht die Sonne (mitsamt den anderen Sternen) sich um die Erde dreht, sondern umgekehrt.

Zuvor hatte die Wissenschaft anhand zahlloser Berechnungen versucht, die widersprüchlichen Beobachtungen zu erklären, die sich aus dem lange von der Kirche vertretenen und mit aller Macht verteidigten Standpunkt ergaben, der Mensch und damit die Erde seien der Mittelpunkt des Universums.

Erst mit dem vollständigen Perspektivenwechsel lösten sich die Widersprüche auf und die komplizierten, aber letztlich fruchtlosen Bestrebungen, die beobachtbaren Gegebenheiten an ein stures und starres Glaubensbekenntnis anzupassen, wurden überflüssig.

Gegenwärtig, so behaupte ich, erleben wir eine vergleichbare Situation im Bereich Schule und Lernen. Auch hier stecken wir in einer Sackgasse, ausgelöst vom krampfhaften Festhalten an der Vorstellung, dass ein vorgegebenes Programm, ein Lehrplan, unverrückbar im Zentrum des Bildungsuniversums stehe und sich alle Lernenden, insbesondere die als unmündig und erziehungsbedürftig betrachteten “Kinder”, um diesen herum bewegen und sozusagen aus ihm ihr Wachstum beziehen müssten.

In dem Maß, wie heute gewisse, in Zahl und Umfang wachsende Spannungen und Störungen diesen Glauben in Frage stellen, werden die Betroffenen (vor allem junge Menschen) so lange bearbeitet, behandelt und therapiert, bis sie aufhören sich zu wehren. Dass die Ursache der immer größer werdenden Inkongruenz aber in einer perversen Verdrehung der Tatsachen liegt, in einer unnatürlichen Besessenheit, Kinder wie Objekte zu formen und zu dressieren, bis sie dem vorgegebenen “Plan” entsprechen, und ohne Rücksicht auf ihre individuellen Interessen und Rhythmen, wird verdrängt oder ignoriert.

Nicht immer mehr institutionalisierte Überwachung, Nachhilfe und Manipulation wird die Rebellion der kleinen Seelen beenden, sondern ihre konsequente Befreiung von Zwang, Vereinheitlichung und Bewertung. Die Diktatur des programmierten Belehrens muss abgelöst werden von der Hinwendung zu den in jedem jungen Menschen aufstrebenden Kräften und ihrer liebenden Förderung. Unsere Kinder brauchen bedingungslose Zuwendung und ein anregendes Umfeld, in dem sie mit von ihnen gewählten Partnern jeden Alters sich selbst und die Welt spielerisch kennen und verstehen lernen dürfen. Ihre körperliche und seelische Gesundheit und ihre Zufriedenheit müssen jederzeit im Mittelpunkt stehen, nicht dagegen Lehrpläne, Programme und Bildungsangebote, die, falls überhaupt, nur von und zusammen mit ihnen aufgestellt werden sollten.

Um den beschriebenen Paradigmenwechsel vollziehen zu können, müssen wir Erwachsenen unsere eigene, tief sitzende Konditionierung überwinden und alte Glaubenssätze – etwa, dass man Bildung planen könne oder dass Lernen anstrengend sei und man dafür den Willen des Kindes brechen müsse – über Bord werfen. Dieser sicherlich schmerzhafte Prozess ist für unseren Nachwuchs das denkbar schönste Geschenk. Durch ihn werden wir kommende Generationen befähigen, ihr Potenzial ganzheitlich zu entfalten und die Fertigkeiten herauszubilden, die ein neues Gesellschaftssystem benötigt, das nicht mehr auf Macht- und Geldgier fußt, sondern auf Vielfalt, Solidarität, Ökologie und Spiritualität.

G.P.