1. Kapitel: Die etwas andere Schule (Teil 1)

„Neves, ich geh‘ jetzt! Ciao, Mama!“ Ludovic Mangal, genannt Ludi, steckt sich den Rest einer Butterstulle in den Mund, schultert seinen olivgrünen Rucksack und schlüpft in seine Turnschuhe. „Warte doch, bin ja gleich da,“ ruft seine Schwester aus dem Bad. Ludi seufzt und begutachtet die Unterseite seines alten Skateboards, während er an der Eingangstür wartet. Jeden Tag dasselbe Szenario: Er steht um 7 Uhr auf, macht sich fertig, frühstückt mit seiner Mutter Kiania und will dann möglichst schnell los. Und Neves kommt irgendwann eine halbe Stunde später gähnend angeschlurft, weil sie wieder zu lange wach war und mit ihrem Freundchen gechattet hat, und fleht Ludi an, doch noch zu warten, während sie erstmal Klamotten holt und sich herausputzt. Sie könnte ja gut allein zum Lernort laufen, aber das ist ihr scheinbar zu langweilig.

Kiania kommt aus der Küche. Sie grinst. „Musst du mal wieder den Eingang bewachen,“ sagt sie und schlägt ihn sanft mit dem Handrücken auf den Bauch. „Nimm’s leicht. Kriegst gutes Karma dafür.“ Ludis Mutter ist kaum größer als er. Von hinten könnte man die beiden fast verwechseln: sie hat den gleichen schwarzen Lockenkopf wie er. Sie streift ihre orangefarbene Vederjacke* über und greift nach dem Helm auf dem Schuhschrank. „Ich muss los. Erleb was Schönes, mein Junge.“ Sie drückt ihm einen Kuss auf die Stirn. „Danke, du auch,“ erwidert er. „Das werde ich. Joe, Hannah und ich beginnen heute das Ostufer des neuen Moors zu bepflanzen. Bin gespannt wie gut wir vorankommen. Bis heut Abend. – Ciao Neves!“ Damit verschwindet sie in der Garage, wo ihr E-Scooter* auf sie wartet.

Es ist still im Flur, abgesehen vom Vogelgezwitscher, das durch das kleine ovale Fenster neben der Eingangstür hereinweht, und dem Rauschen des Wasserhahns im Bad. Eben will Ludi seiner Schwester genervt zurufen, er mache sich jetzt ohne sie auf den Weg, da hört er eine vertraute, wohlklingende Stimme.

„Lass nicht zu, dass deine Ungeduld dich kontrolliert. Ich hab schließlich Millionen Jahre darauf gewartet, dass du aus der Ursuppe* auftauchst.“ Er stutzt. Auf der Kommode vor dem Spiegel hockt ein blaugrünes, kugelrundes Wesen, lässt seine kurzen Beine baumeln und betrachtet ihn mit großen, warmen Augen.

„Hallo Gaia*. Ja, ich bin ungeduldig. Ich möchte meine Freunde wiedersehen. Und darum bemühe ich mich, zu einem verabredeten Zeitpunkt fertig zu sein. Warum brauchen Mädchen immer so viel Zeit?“

Gaia, die einem Globus verblüffend ähnlich sieht, lehnt sich zurück. „Warum hast du so wenig Zeit? Nimm dir einfach mehr davon. Wandere durch dein Inneres, während Neves sich um ihr Äußeres kümmert.“

– Aber wir lernen im Ludus, dass es wichtig ist, die Grenzen der anderen zu respektieren, wehrt sich Ludi. Dazu gehört, Leute nicht unnötig warten zu lassen.

– Ich bin sicher, deine Schwester bemüht sich darum. Sie liebt dich doch. Sie sucht nun mal ein Gleichgewicht zwischen verschiedenen Dingen im Leben. Für sie ist es halt wichtig, gut auszusehen.

– Tut sie ja.

– Sie will eben auf vielfältige Weise angenehm wirken. Das erfordert einen gewissen Aufwand. Du findest die Natur doch schön, oder?

– Klar.

– Nun, es hat sehr, sehr viel Zeit gebraucht, diese Schönheit zu entfalten. Und es hat sich gelohnt zu warten, oder?

Das Globus-Wesen verschwindet, als Neves endlich im Flur erscheint. Sie sieht überfordert aus, so, als hätte sie die letzten Stunden schwer geschuftet und sei noch nicht bereit für einen neuen Tag. Sie hat ihr – vom Vater geerbtes – glattes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und trägt Skarabäus*-Ohrringe. Ein leichter Duft nach Orangenblüten umgibt sie. „Let’s go, Bruderherz,“ sagt sie heiser und zieht ihr buntes Hoodie an. „Du hast noch nichts im Magen,“ bemerkt Ludi. Er reicht ihr den Apfel, den er für unterwegs in die Tasche gesteckt hat. „Danke, jetzt nicht. Hab keinen Hunger.“ Sie schiebt ihn zur Tür hinaus.

— Fortsetzung folgt —

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